Wie der Tagespresse vor wenigen Tagen zu entnehmen war, wurde in Dresden ein Aikido-Lehrer verhaftet und des sexuellen Missbrauchs an Kindern beschuldigt. Diese Nachricht hat uns in vielfacher Hinsicht sehr erschüttert und beschäftigt.

Dieser Aikido-Lehrer ist uns nicht nur bekannt, sondern hat mit uns die gleichen Seminare besucht, auf der Matte und abseits davon Zeit mit uns verbracht – er war Teil der Aikido Welt in der wir uns bewegen. Wir haben uns ausführlich Gedanken gemacht und möchten mit diesem Schreiben eine Stellungnahme abgeben.

Wir wissen nicht was passiert ist und wollen dazu auch keine Vermutungen anstellen. Fest steht, dass ihm sexuelle Gewalt und schwere sexuelle Gewalt gegen Kinder vorgeworfen wird. Er befindet sich seit Oktober 2019 in Untersuchungshaft.

Keinem von den Menschen mit denen wir bisher darüber gesprochen haben, ist in den letzten Jahren ein Verhalten aufgefallen, das man hätte zur Sprache bringen müssen. Aber wir müssen jetzt miteinander reden und uns damit auseinandersetzen, da es um ein Thema geht, welches nicht totgeschwiegen werden darf: Ja, es gibt sexualisierte Gewalt und sexuellen Missbrauch gerade im Sport und auch im Aikido. Es ist ein gesellschaftliches Problem, welches nicht an der Tür zum Dojo halt macht.

Im Aikido wie auch in anderen Budo Sportarten gibt es üblicherweise eine recht starke hierarchische Struktur zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen. Dazu kommt die Funktion der Aikido-Lehrer*innen als moralische und menschliche Vorbilder, die in den Kampfkünsten sogar noch markanter ist als im Breitensport. Zudem kommt es beim Aikido-Training zu ausgeprägtem Körperkontakt zwischen den Übenden untereinander und auch mit den Trainer*innen. Aus diesen Gründen müssen insbesondere Lehrer*innen in diesem Bereich ein erhöhtes Maß an Sensibilität und Respekt für die Grenzen anderer zeigen und dies ausdrücklich vorleben.

In jeder sportlichen Lehrtätigkeit ist ein unterstützender physischer Kontakt zum Zweck des Lernens und miteinander Übens unausweichlich. Das betrifft auch den Unterricht mit Kindern und insbesondere auch das mit einem Partner ausgeübte Aikido. Um körperliche Grenzen zu wahren muss deshalb jegliche Berührung in ihrer Intention stets unmissverständlich und eindeutig sein.

Ziel des Aikido Trainings muss stets sein, Kinder im Wahrnehmen und Verteidigen ihrer eigenen Grenzen zu stärken. Und gerade um Selbstbehauptung geht es ja im Aikido.

Die wichtigste Reaktion ist sicherlich die gezielte Prävention. Aber wie kann diese aussehen? Besonders da es sehr unterschiedliche Strukturen sind in denen wir Aikido trainieren.

Einige mögliche Maßnahmen haben wir hier aufgeschrieben. Diskutiert das wenn ihr möchtet in euren Dojos und entscheidet, was ihr umsetzen wollt.

Vier-Augen-Prinzip

Bei Kinder- und Jugendtrainings und insbesondere bei Ausflügen, Übernachtungen, etc. empfiehlt es sich, stets zwei Trainer*innen gleichzeitig vor Ort zu haben, idealerweise unterschiedlichen Geschlechts. Von Einzeltrainings mit Kindern und Jugendlichen ist absolut abzuraten.

Ansprechpartner

Gerade in Vereinen/Dojos in denen mehrere Übungsleiter*innen in den Trainings involviert sind, sollte deutlich gemacht werden, dass es eine*n Zuständige*n als Ansprechpartner*in für die Kinder, Jugendlichen und auch für die Eltern gibt (z.B. einen Jugendwart o.ä.). Im Umgang mit den Kindern ist es wichtig diesen zu vermitteln, dass ihren Anliegen Gehört geschenkt wird und sie ernst genommen werden. Möglich wird sexualisierte Gewalt häufig dann, wenn Kinder nicht wissen an wen sie sich wenden sollen und wem sie vertrauen können.

Erweitertes polizeiliches Führungszeugnis

Jede*r Übungsleiter*in – insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit – erteilt Einsicht in sein/ihr aktuelles erweitertes Führungszeugnis. Es kann Personen erteilt werden, die beruflich, ehrenamtlich oder in sonstiger Weise im kinder- und jugendnahen Bereich tätig sind oder tätig werden sollen. Jede Person ab Vollendung des 14. Lebensjahres kann ein erweitertes Führungszeugnis beantragen. Hierfür muss vom Antragsteller beim Einwohnermeldeamt ein Anschreiben des jeweiligen Vereins vorgelegt werden. Bei gemeinnütziger Tätigkeit ist das Führungszeugnis kostenlos.

Ehrenkodex der Sportjugend als freiwillige Selbstverpflichtung

Die deutsche Sportjugend des DOSB hat einen Ehrenodex für Übungsleiter*innen erstellt. Er ist ein Handlungsleitfaden für einen verantwortungsbewussten, respektvollen Umgang mit Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen. Der Ehrenkodex kann hier runtergeladen werden: https://www.vibss.de/fileadmin/Medienablage/VIBSS-Download/EHRENKODEX_2012-02-09.pdf

Sensibilisierung im Verein/Dojo

Führungszeugnisse, Ehrenkodex, etc. können allein nicht verhindern, dass es zu sexualisierter Gewalt kommt. Sie sensibilisieren jedoch die Übungsleiter*innen in Hinsicht auf dieses Thema. Zudem schreckt die offene, bewusste Thematisierung sexualisierter Gewalt potentielle Täter*innen möglichrweise davor ab, im jeweiligen Dojo aktiv zu werden.

Handlungsleitfaden

Weitere mögliche Maßnahmen für den Umgang mit dem Thema der sexualisierten Gewalt (deren Prävention und Vorgehensweise bei Verdachtsfällen) im eigenen Verein findet sich im umfassenden Handlungsleitfaden des Landessportbundes NRW unter https://www.lsb.nrw/fileadmin/global/media/Downloadcenter/Sexualisierte_Gewalt/Handlungsleitfaden_fuer_Vereine.pdf

Die beste Prävention ist es nach unserer Meinung aufmerksam zu sein und Aufmerksamkeit von anderen einzufordern und sich ggf. klar zu verhalten wenn es Signale gibt oder etwas vorgefallen ist – bei jeglichem Übergriff. Das Perfide an den Tätern und den Taten ist, dass der Missbrauch immer im Verborgenen stattfindet. Doch die Opfer müssen ein Leben lang damit klar kommen. Deshalb müssen wir die Augen weit auf machen.

Bei Fragen stehen wir als Ansprechpartner*innen auch für weitere Anregungen zur Verfügung.

Wir, die unten genannten Dojos, lehnen jegliche Form von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, insbesondere sexuelle Gewalt ab.

Sexismus, aber auch Rassismus und Gewalt haben in unseren Dojos keinen Platz und werden nicht geduldet.

Aikido im Hof e.V. Duisburg, Kyushindo Aikido e.V. Hannover

Die folgenden Dojos und/oder Personen haben sich der Stellungnahme angeschlossen:

Aikido Oberursel
Aikido Frankfurt e.V.
Kokoro Aikido Berlin
Clemens Ziesenitz (Berlin)
Rolf Steenbock (Aikido-Abteilung der Kaltenkirchener Turnerschaft e.V.)
Aikido Lankwitz e.V.
Aikido-Dojo TomoSei-Shin e.V. (Berlin)
aikiwerk (Berlin)
Aikido Osnabrück

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